17/50 Diyarbakir – farbig, lebendig, historisch interessant: das Kontrastprogramm zu den letzten Naturtagen

7. Oktober 2021 | Blogs der Reise, Eurasientour, Türkei Blog

17/50 Diyarbakir – farbig, lebendig, historisch interessant: das Kontrastprogramm zu den letzten Naturtagen

Wir sind nun in Südostanatolien, genau gesagt in der Stadt Diyarbakir. Hier leben überwiegend türkische Kurd*innen und inoffiziell wird die Stadt auch „Hauptstadt der Kurden“ genannt. Die Geschichte der türkisch Kurden ist ja keine einfache, da sie als grösste ethnische Minderheit bis heute nicht offizielle anerkannt werden vom Staat – was immer wieder zu Konflikten und natürlich auch zu Benachteiligungen führt. Wir tauchen direkt in die Stadt ein, indem wir mit Freigeist mittendurch fahren. Marco fügt sich aber bravourös in den türkischen Fahrstil ein und so erreichen wir problemlos den von uns angesteuerten Parkplatz, direkt an der historischen Stadtmauer, von wo aus wir dann zu Fuss in die lebendige Innenstadt gehen können. Zuerst trinken wir aber noch einen Chai (gefühlt der 100ste der letzten Tage) beim Restaurant, bei dem wir parken, so dass wir noch nett fragen können, ob wir Freigeist für ein paar Stunden hier stehen lassen können. Wie immer ist das kein Problem und wir kriegen ein „Evet“ (Ja) und ein freundliches Lächeln zurück.

Erstmal in der Innenstadt, stolpern wir mit offenen Augen, Ohren, Nasen und Mündern durch das lebhafte Treiben dieser Grosstadt: Läden, alte Caravansereien die zu Kaffees umgewandelt wurden, Märkte, Gewürze, Gässchen, Plätzen und eine Vielfalt an Menschen und Kleidungsstilen empfängt uns – das Kontrastprogramm zu den letzten Tagen in der Natur überfordert uns ein wenig, dennoch geniessen wir es und saugen es neugierig auf. Wir essen in einem feinen Restaurant – müssen mal wieder am Nachbartisch abgucken, wie (in welcher Reihenfolge bspw.) man die vielen Speisen isst, die wir gar nicht bestellt haben, die aber dennoch einfach auf dem Tisch landen. Aber wir schlagen uns durch und sind eigentlich schon satt, als der von uns bestellte Hauptgang schliesslich serviert wird:-). Das hält uns natürlich nicht davon ab, uns auch noch zu einem Baklava überreden zu lassen – wer diese türkische Nachspeise kennt, kann sich vielleicht vorstellen, wie sich unsere Mägen danach anfühlen.

Auf dem Rückweg zum Auto werden wir mal wieder spontan auf der Strasse von zwei netten Kurden zum Chai eingeladen und natürlich setzen wir uns dazu, führen interessante Gespräche mit den beiden, die Englisch und Französisch sprechen und erleben, wie stolz sie auf ihre Herkunft sind. Wir lassen uns einige Tipps geben, was wir hier noch unbedingt sehen müssen. Ebenfalls empfehlen sie uns einen Oto-Park (ein bewachter Parkplatz) unterhalb der Altstadt, hier könnten wir gut übernachten – diesen Tipp nehmen wir gerne entgegen und fahren später dann – nachdem wir mit dem Auto sozusagen direkt durch den Markt gefahren sind – dorthin, werden vom Parkwächter rührend herzlich begrüsst und eingeladen, hier zu schlafen und uns keine Sorgen zu machen. 

Am nächsten Morgen spazieren wir zu Fuss in die Stadt, wir wollen uns eines der vielgelobten türkischen Kahvalti (Frühstück) gönnen. In einem netten Kaffee setzen wir uns hin und versuchen zu bestellen. Die drei netten jungen Herren sind irgendwie etwas konsterniert und es beginnt ein Hin und Her – wir verstehen nicht genau worum es geht. Schliesslich sagt man uns, dass es aber 10 Minuten gehen werde – das ist für uns natürlich ok, denn für hiesige Verhältnisse ist das eigentlich ziemlich schnell. Als wir dann sehen, wie einer der drei nach einiger Zeit mit vollen Einkaufstüten das Kaffee betritt und der andere vom Nachbarrestaurant den Kaffee und Tee bringt, beginnen wir zu verstehen: wir sind für Türkische Verhältnisse viel zu früh dran für ein Frühstück und man ist noch überhaupt nicht parat. Aber lieb wie die Leute hier einfach sind, wird alles unkompliziert und mit der Unterstützung vom Konkurrenten nebenan organisiert und wir kriegen ein sehr leckeres und vielseitiges Frühstück serviert.

Gestärkt besuchen wir danach die grösste Moschee von Diyarbakar, die zugleich die älteste Moschee Anatoliens und der fünftheilige Ort des Islam ist. Wir bestaunen die schönen Bauten mit den eindrücklichen Fresken an den Mauern, schauen ganz kurz in die grosse Gebetshalle der Männer und in die viel kleinere der Frauen und lassen uns von einem Einheimischen die Geschichte des Gotteshauses – das übrigens zwischendurch auch mal eine christliche Kirche war – erzählen, lernen den Muezin kennen und verlassen den Komplex dann aber als die Gebetsstunde anfängt, denn heute ist Freitag und der Andrang ist gross. 

Nun sind wir reif für einen weiteren Chai und begeben uns in eines der Caravanserei-Kaffees und geniessen diesen historischen Ort. Caravansereien waren zu Zeiten, als man die Seidenstrasse noch mit Kamelen, Pferden, Eseln und zu Fuss bestritt Unterkunften an denen die Händler mit ihren Tieren auf ihren Routen beherbergt und verpflegt wurden. Heute herrscht hier ein buntes Treiben, Einheimische wie Tourist*innen trinken ihren Chai, treffen sich oder kaufen ein. Die Vorstellung, wie lange es diese Gebäude schon gibt und wieviele Menschen (und früher auch Tiere) hier in dieser Zeit ein und ausgegangen sind, finden wir sehr spannend und die Atmosphäre hat strahlt etwas abenteuerliches aus.

Nach dem Mittag kehren wir zurück zum Freigeist, wir wollen heute noch nach Mardin fahren – eine weitere historische Stadt, die nahe an der Syrischen Grenze liegt und gemäss unseren Recherchen sehr sehenswert ist – dazu dann aber im nächsten Blog mehr. Der Parkwächter fragt noch nach, wie wir geschlafen haben, erzählt uns dann noch seine Familiengeschichte, zeigt natürlich Bilder seiner Kinder und verabschiedet uns ebenso herzlich, wie er uns gestern begrüsst hat.

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